Deutsche Meisterin „im Vorbeigehen“
Felicia Behringer holt Einzeltitel und Doppel-Bronze in höchster Leistungsklasse
 
Eigentlich wollte sich die 16-jährige Regionalligaspielerin der Tischtennisschule Niklashausen bei den deutschen Tischtennismeisterschaften für Leistungsklassen nach fast zweimonatiger Spielpause „nur“ die nötige Wettkampfhärte für den Endspurt der Turniersaison im baden-württembergischen Nachwuchsbereich holen. Dass sie diese bereits besitzt, zeigte sich eindrucksvoll am Sonntagnachmittag im niedersächsischen Dinklage, als sie sich ihre ersten beiden Medaillen auf Bundesebene um den Hals hängen lassen durfte.
 
Nicht nur das vom DTTB und dem TV Dinklage hervorragend ausgerichtete Turnier, sondern bereits die Anreise nach Niedersachsen am Freitag gestaltete sich aufgrund der angespannten Verkehrslage als Herausforderung. Fast 1000 km musste „Felis“ Vater und Coach, Christian Behringer, am Freitag abspulen, um den Nachwuchs vom einwöchigen Landeskaderlehrgang im schwäbischen Albstadt in die norddeutsche Tiefebene zu bringen. Erschöpft von der langen Fahrt und den Anstrengungen des Kadertrainings verzichtete man schließlich auf das abendliche Einspielen in der Wettkampfhalle, stattdessen stand Regeneration im Hotel auf dem Programm.
 
Bei den deutschen Meisterschaften für Leistungsklassen wird auf der Grundlage des so genannten TTR-Wertes in drei unterschiedlichen Leistungskategorien (A, B und C) gespielt. Das Besondere dieses Turnieres ist die hohe Leistungsdichte in den einzelnen Spielklassen, die es sonst bei kaum einen Wettbewerb gibt. „Da heißt es gar nichts, wenn du als Topgesetzte anreist. Schon in der Vorrunde hat man drei Gegnerinnen auf absoluter Augenhöhe“, meint Felicias Vater. „Bei anderen Turnieren auf Landes- oder Bundesebene sind die Unterschiede in der Spielstärke meist viel größer als hier und das macht diesen Wettbewerb auch so interessant“.
 
Die Niklashäuser Defensivspielerin musste sich in der höchsten Damenklasse gleich im ersten Spiel heftig gegen ihre gut aufgelegte Gegnerin aus Hessen wehren. Nach einem schwachen ersten Satz und 2:7 in Satz 2 fand sie jedoch noch rechtzeitig die richtigen Mittel, um das Match zu drehen. Eine nervliche Zerreißprobe dann im nächsten Vorrundenmatch gegen Birte Grensemann vom SV Werder Bremen. Ganze 50 Minuten lang duellierten sich die beiden in vier Sätzen, in denen Felicia wiederum das bessere Ende für sich hatte. Eindeutiger und erheblich kürzer dann das dritte Spiel, in dem Felicia ihrer Gegnerin aus Nordrhein-Westfalen keine Chance ließ.
 
Im Achtelfinale stand der Teenager der Vorjahressiegerin im Doppel gegenüber. Auch dieser Oberligaspielerin ließ sie trotz eines unnötigen Satzverlustes keine Chance. Im Viertelfinale wartete mit der bayrischen Emma Bruch vom TSV Schwabhausen ein echter Prüfstein. Immerhin spielte die 17-Jährige in der abgelaufenen Mannschaftssaison bereits mehrfach in der dritten Bundesliga, also einer Liga über „Feli“. Vor allem zu Beginn des Matches spielte Bruch ihre Stärken gekonnt aus, mit 11:6 und 11:8 erwies sich die Angreiferin zunächst als deutlich überlegen. Auch in Satz 3 war Bruch zu Beginn stärker, doch nach einer Auszeit und ein paar taktischen Änderungen kippte das Spiel. Knapp mit 12:10 ging der vorentscheidende dritte Durchgang an die Abwehrerin. Bruch konnte sich von diesem „Wirkungstreffer“ nicht mehr erholen, während sich Felicia in einen regelrechten Rausch spielte und Bruch im weiteren Spielverlauf mit ihren Defensivkünsten und überraschenden Offensivaktionen zermürbte.
 
Die warnenden Worte des Coaches vor der im Doppel zuvor gesehenen Stärke der Halbfinalgegnerin, Leonie Hildebrandt (Sachsen), erwiesen sich im Nachhinein als überflüssig. Die Achtelfinalistin der diesjährigen deutschen Schülermeisterschaften hatte Felicias überlegten Schnittwechseln nichts entgegenzusetzen. Der Finaleinzug war nach drei einseitig verlaufenden Sätzen geschafft.
 
Hier erwartete Felicia dann ausgerechnet die Zwillingsschwester der Viertelfinalgegnerin. Auch Luisa Bruch spielte in der Vorsaison bereits in der dritten Bundesliga und durfte somit natürlich nicht unterschätzt werden. Anders als gegen Schwester Emma konnte sich Felicia aber im Endspiel schon von Beginn an gut auf die Angreiferin einstellen und ließ sich beim 11:7, 11:7 und 11:9 die Butter nicht mehr vom Brot nehmen.
 
Um 16 Uhr Ortszeit war der erste Deutsche Meistertitel der jungen Spielerkarriere und der langen Vereinsgeschichte des SV Niklashausen schließlich perfekt.
 
Parallel zur Einzelkonkurrenz wurden in den einzelnen Leistungskategorien auch die Titelträger im Doppel ermittelt. Hier ging Felicia mit Partnerin Anja Skokanitsch vom württembergischen TuS Metzingen an den Start. Da beide Spielerinnen bislang noch nie gemeinsam am Tisch standen, ist der Einzug ins Halbfinale bereits als sehr großer Erfolg zu werten. Leider spielte man gegen das sächsisch-saarländische Team, Leonie Hildebrandt und Karina Gefele in den Sätzen 1 und 2 sowie im entscheiden fünften Satz etwas zu brav, so dass man hier den späteren Titelträgerinnen zum verdienten Finaleinzug gratulieren musste.
 
Anlass zur Enttäuschung war die Halbfinalniederlage aber keinesfalls, bei der Siegerehrung sah man nur noch strahlende Gesichter. „Dass sich Felicia bei diesem großartigen Event mit dem Titel und Bronze belohnen konnte, freut mich unheimlich für sie“, so ihr Betreuer nach dem Turnier. Einen kleinen Seitenhieb konnte sich Papa Behringer dann doch nicht verkneifen, als er augenzwinkernd ergänzt: „Das ganze Wochenende hat mein Töchterchen für meinen Geschmack ein bisschen zu viel über Muskelkater und Müdigkeit nach dem Trainingslager der Vorwoche geklagt. Aber nach Gold und Bronze hört man plötzlich nichts mehr. Die ganze Rückfahrt nicht ein Wort mehr darüber. Sportlicher Erfolg scheint ein phänomenales Wunderheilmittel zu sein“.
 
Auch für den SV Niklashausen ist das Abschneiden von Felicia neben der Bronzemedaille des Herrenteams bei den deutschen Pokalmeisterschaften im Jahr 2014 der größte Erfolg der langen Vereinsgeschichte.